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Radio Swiss Jazz Evergreens: «Take Five»

Das Dave Brubeck Quartett brachte den Hit «Take Five» 1959 heraus: Joe Morello, Dave Brubeck, Paul Desmond, Eugene Wright  (vlnr). - Quelle: PhotoQuest/Getty Images Das Dave Brubeck Quartett brachte den Hit «Take Five» 1959 heraus: Joe Morello, Dave Brubeck, Paul Desmond, Eugene Wright (vlnr). (Quelle: PhotoQuest/Getty Images)

Unter den berühmtesten Jazzstandards gibt es relativ wenig Stücke in ungerader Taktart. Warum ist das so? Unser Alltag verläuft in der Regel geradlinig: Wir trotten im Pendlerstrom im 2/4-Takt zur Arbeit und tanzen im 4/4-Takt übers Parkett – Wiener Walzer ausgenommen. In irregulären und asymmetrischen Taktarten stolpern wir höchstens unfreiwillig nach einer durchzechten Nacht nach Hause. Jazzmusik war in der Swing-Ära ein Synonym für Tanzmusik. Einer der ersten, der die 4/4-Takt-Tradition im Jazz durchbrach, war Dave Brubeck mit seinem Quartett und der Komposition «Take Five» im Jahr 1959.

Von Gregor Loepfe

Der amerikanische Pianist und Bandleader Dave Brubeck holte sich auf einer Konzertreise in Istanbul von türkischen Strassenmusikern Inspiration für ungerade Taktarten. Auf sein 1959 erschienenes Album mit dem Titel «Time Out» wollte er Musik in ungeraden und zusammengesetzten Taktarten aufnehmen. Konsequent umgesetzt hat er diesen Plan im Stück «Blue Rondo à la Turk». Es steht in einem 9/8-Takt, der jedoch nicht wie üblich dreifach unterteilt ist, sondern die Anordnung 2+2+2+3 Takte aufweist. Bei den Proben zum Album improvisierten ausserdem zwei seiner Mitmusiker, der Saxofonist Paul Desmond und der Schlagzeuger Joe Morello, über einen 5/4-Takt. Als Brubeck das mitbekam, bat er Desmond kurzerhand, ein neu komponiertes Thema über einen 5/4-Takt in die nächste Probe mitzubringen. Desmond präsentierte daraufhin zwei unabhängige Themen, die seiner Meinung nach aber nicht zusammenpassten. Brubeck gefielen sie und er kombinierte die beiden zu einer dreiteiligen Form. Es funktionierte, weil der mittlere Teil stark mit dem Rest kontrastierte. Die Komposition «Take Five» war geboren, fand den Weg auf das neue Album und wurde zur Erkennungsmelodie von Dave Brubecks Quartett.

Kommerzieller Erfolg dank Ohrwurmqualität

Zwei Jahre nach seiner Erstveröffentlichung wurde «Take Five» im August 1961 als Single ausgekoppelt und kletterte in Grossbritannien bis auf Rang 5 der Pop-Charts. Das Album «Time Out» verkaufte sich mehr als eine Million Mal und wurde bis dato trotz seines experimentellen Charakters zur meistverkauften instrumentalen Jazzplatte. Den Erfolg verdankt es zweifelsohne «Take Five». Die dreiteilige Komposition umfasst 24 Takte. Der erste und dritte Teil sind identisch. Der deutliche 5/4-Takt und die blueshafte Melodie sind sehr einprägsam. Dank der charakteristischen Begleitfigur im Klavier entsteht der Eindruck, einem 3/4-Takt würde stets ein 2/4-Takt angehängt.

Komponist Paul Desmond hinterliess nach seinem Tod die Rechte für «Take Five» dem amerikanischen Roten Kreuz. Er war zunächst gar nicht überzeugt vom Aufnahmeresultat und meinte scherzhaft, die Tantiemen reichten wohl knapp für einen neuen Rasierapparat. Bis heute betragen die Tantiemen daraus allerdings über sechs Millionen Dollar.

Die ersten Aufnahmen und spannende Interpretationen

Carmen McRae nahm nach Brubecks Einspielung zusammen mit dessen Quartet eine eigene Gesangsversion für ihr Album «Take Five Live» auf. Später kamen weitere Jazzversionen von George Benson und Al Jarreau hinzu. Eine Popversion von Stevie Wonder folgt. Auch Geige und Cello eignen sich bestens für attraktive Coverversionen, wie Nigel Kennedy und Yo-Yo Ma bewiesen haben. 2011 lieferte sogar das Pakistan’s Sachal Studios Orchestra eine vielbeachtete, orientalische Variante.

Interpretationen im Programm von Radio Swiss Jazz

Es versteht sich von selbst, dass die Originalversion von 1959 ein Bestandteil unseres Repertoires ist. Auch jene von Carmen McRae fehlt nicht. Weitere Versionen nahe am Original und in unterschiedlicher Besetzung stammen von Elek Bacsik, Fernando Fantini und dem Duo Markusphilippe. Eine Fassung mit einer weissen Südstaatenbrise stammt von George Shearing & The Dixie Six. Die brasilianische Pianistin und Sängerin Eliane Elias bietet eine sanfte Version in leichter Bossa-Manier. Von zwei Künstlern wird der 5/4-Takt in einen geradzahligen Takt umgewandelt: Von Tito Puente in einer Latinversion und von den Be Bop Stompers als New Orleans-Version.

Radio Swiss Jazz Evergreens

In der Reihe «Radio Swiss Jazz Evergreens» sind bereits erschienen:
Summertime, Autumn Leaves, Misty, Round Midnight und Watermelon Man.


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