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Radio Swiss Jazz Evergreens: «Autumn Leaves»

Spätestens in der Version von Miles Davis mit Cannonball Adderley etablierte sich «Autumn Leaves» als Jazz-Standard. - Quelle: Keystone/AP Spätestens in der Version von Miles Davis mit Cannonball Adderley etablierte sich «Autumn Leaves» als Jazz-Standard. (Quelle: Keystone/AP)

Vielleicht ist er sogar der Jazz-Standard schlechthin: «Autumn Leaves». Tausendfach interpretiert und auf Tonträgern verewigt, werden die «Herbstblätter» unabhängig von der Jahreszeit auf dem ganzen Globus gespielt. Es dürfte auch derjenige Titel sein, mit dem manche Musikschülerinnen und -schüler erstmals überhaupt mit Jazz in Kontakt kommen. Und es gibt kaum eine Jamsession, bei der der Titel nicht angezählt wird. Radio Swiss Jazz stellt «Autumn Leaves» in seiner Serie über die berühmtesten Jazz-Standards vor, erzählt die Geschichte dahinter und zeigt unterschiedliche Interpretationen davon, die im Programm sind.

von Gregor Loepfe

Die Urfassung von «Autumn Leaves» entstand 1945 in Form des Chansons «Les feuilles mortes». Joseph Kosma, ein in Frankreich lebender ungarischer Komponist, schrieb es auf ein Gedicht von Jacques Prévert. Gedacht war es als musikalischer Beitrag zum Film «Les Portes de la nuit» von Marcel Carné aus dem Jahr 1946, gesungen von Yves Montand. Es hat sich in der Folge dann verselbständigt. Die in der langsamen Einleitung beschriebenen «toten Herbstblätter» stehen sinnbildlich für eine verflossene Liebesgeschichte, die im Hauptteil dann ins Zentrum rückt.

Vom französischen Chanson zum Nummer-Eins-Hit in den USA

Kernstück des Liedtexts sind zwei sich liebende Menschen, die das Leben irgendwann trennt. Zurück bleibt der Wunsch, das Meer möge die Spuren der Getrennten im Sand verwischen. 1949 übertrug Johnny Mercer den Text des Hauptteils ins Englische. Die Einleitung liess er weg. Den Inhalt veränderte er leicht: Geschildert wird die Sehnsucht eines Menschen, der soeben verlassen wurde. Mit dem Herbst und dem farbigen Laub kehrt die Erinnerung an das sommerliche Liebesglück wieder. Mercer war der Gründer des berühmten Labels «Capitol Records» in Los Angeles, für das Jo Elizabeth Stafford den Song 1950 als Erste aufnahm. Weltweit bekannt und zum Nummer-Eins-Hit wurde er erst 1955 in einer gross angelegten Klavierversion mit Streichern von Roger Williams. Die verspielte, mit virtuosen Skalenläufen gespickte Fassung verkaufte sich über zwei Millionen Mal.

Vom Song zum Jazz-Standard

Zu den ersten namhaften Jazzmusikern, die «Autumn Leaves» in ihr Repertoire nahmen und öffentlich spielten, gehörten die Pianisten Erroll Garner und Oscar Peterson. Spätestens mit der Interpretation von Cannonball Adderley mit Miles Davis als Sideman auf dem Album «Somethin’ Else» etablierte sich die Komposition als Jazz-Standard und ging später als einer der berühmtesten von ihnen in die Jazzgeschichte ein. Zur gleichen Zeit entstanden auch die ersten Gesangsversionen, darunter jene von Nat King Cole und Frank Sinatra gesungenen.

Der Standard «Autumn Leaves» besteht aus dem Hauptteil des ursprünglichen Chansons, zählt insgesamt 32 Takte und enthält vieles, was einen Evergreen ausmacht: ein schlichtes Viertonmotiv, eine überschaubare Länge und eine einfache Harmonik. Den ersten moll-dominierten Teil, ein wiederholter Achttakter mit sehr einprägsamer, viermal aufsteigender Melodie über logisch aufgebauter Akkordfolge, rundet ein zweiter Teil mit kurzfristigem Wechsel nach Dur ab.

Interpretationen im Programm von Radio Swiss Jazz

Zu den wichtigsten Aufnahmen im Repertoire von Radio Swiss Jazz gehören die bereits erwähnten Versionen von Oscar Peterson und Erroll Garner. Entscheidend für die Etablierung als Jazzstandard war besonders die Aufnahme von Cannonball Adderley. Weitere legendäre Einspielungen stammen von Sonny Stitt, Stan Getz, Lionel Hampton und Ray Bryant. Poppige Varianten haben Eric Clapton und Eva Cassidy aufgenommen. Latinversionen stammen von Tito Puente & His Latin Jazz Ensemble und vom Steven McGill Project. Interpretationen aus der Schweiz gibt’s von der Hammond Lounge und der Full Steam Jazzband mit einer Südstaatenversion. Eine Gypsyjazz-Variante spielen die Hot Strings und vokale Jazzfassungen nahmen Mickki Brown und Laura Fygi auf, letztere mit französischem Originaltext.


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