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Heiri Känzig – Tieftöner mit Leidenschaft und Eleganz

«Mein Wunsch-Duopartner wäre Miles Davis» ist eine vom Schweizer Bassisten Heiri Känzig oft geäusserte Vision, die sich leider nicht mehr realisieren lässt. - Quelle: Pablo Faccinetto «Mein Wunsch-Duopartner wäre Miles Davis» ist eine vom Schweizer Bassisten Heiri Känzig oft geäusserte Vision, die sich leider nicht mehr realisieren lässt. (Quelle: Pablo Faccinetto)

Der Schweizer Bassist Heiri Känzig ging bereits in jungen Jahren auf Tuchfühlung mit der Weltspitze des Jazz. Vielseitigkeit und ein persönlicher Sound waren schon immer die Triebfedern in Känzigs Karriere. Ab 1978 spielte er im Vienna Art Orchestra experimentellen Jazz und blieb dort 15 Jahre. Gleichzeitig nahm er mit dem grossen Bebop-Trompeter Art Farmer seine erste CD auf. Diese stilistische Breite zeichnet ihn bis heute aus. Känzig gehört in Europa zu den Besten seines Fachs. Als Mensch und mit den Tönen auf seinem Bass stapelt er tief, Letzteres aber mit einer Virtuosität und Musikalität, die ihresgleichen suchen. Anfang April feiert er seinen 60. Geburtstag.

von Gregor Loepfe

Heiri Känzig ist als gefragter Bassist seit vierzig Jahren auf den Jazzbühnen der Welt unterwegs. 2016 wurde ihm der Jazzpreis der Fondation SUISA verliehen. Sein Schaffen ist mittlerweile auf über 130 Alben dokumentiert. Dabei brauchte es beim in New York geborenen Zürcher zum Entscheid für die Musikerlaufbahn den Anstoss eines Freundes. Der Schweizer Pianist und Komponist Mathias Rüegg war es, der Känzig dazu brachte, das Gymnasium abzubrechen und in Graz ein Musikstudium in Angriff zu nehmen. Rüegg war es auch, der ihn in sein eben gegründetes Vienna Art Orchestra (VAO) holte. Zum Bass kam Känzig mit 14 Jahren eher zufällig: «Als mein Bruder mit seiner Band geprobt hat, habe ich den Kontrabass gesehen und gedacht, den will ich auch spielen».

Leidenschaft und Persönlichkeit als Grundpfeiler

Den Schweizer Pianisten Thierry Lang (Mitte) und Heiri Känzig verbindet seit einem Vierteljahrhundert eine musikalische Freundschaft im gemeinsamen Trio, neu mit Andi Pupato (rechts) an der Perkussion. - Quelle: thierrylang.com Den Schweizer Pianisten Thierry Lang (Mitte) und Heiri Känzig verbindet seit einem Vierteljahrhundert eine musikalische Freundschaft im gemeinsamen Trio, neu mit Andi Pupato (rechts) an der Perkussion. (Quelle: thierrylang.com)

Die persönliche Stimme, der eigene Sound und eine hundertprozentige Passion, gekoppelt mit hoher Virtuosität und musikalischer Einfühlungsgabe, gehören zu Känzigs wichtigsten Erfolgsgeheimnissen. Er vermag in musikalischen Projekten jeglicher Couleur den perfekten Beitrag zu liefern. «Der Ton kommt aus den Fingern. Man kann verschiedene Farben herausholen. Das ist die Technik, die dazu gehört, um den eigenen Sound zu finden. Diesen dann aber beseelen: Das musst du selbst», meint Känzig zum Geheimnis der richtigen tiefen Töne. Am Anfang imitiere man, danach finde man seine eigene Sprache. Wenn dabei Hingabe und Leidenschaft stimmten, entstehe etwas Eigenes und Persönliches. So fand Känzig zu seinem einzigartigen, individuellen und weltweit geschätzten Sound. Dieses Credo und seinen Erfahrungsschatz gibt er auch an seine Studenten an der Musikhochschule Luzern weiter. «Unterrichten hält mich jung und up to date», sagt Känzig.

Bassist mit grosser stilistischer Breite

Im Trio Depart mit Harry Sokal (Mitte) und Martin Valihora (rechts) lebt Känzig seine moderne Seite aus. - Quelle: moods.ch Im Trio Depart mit Harry Sokal (Mitte) und Martin Valihora (rechts) lebt Känzig seine moderne Seite aus. (Quelle: moods.ch)

Den Grundstein für die Vielseitigkeit und den breiten Erfahrungshorizont legte Känzig schon früh mit Anpassungsfähigkeit und Offenheit über verschiedene musikalische Stile hinweg in der Band von Art Farmer und im VAO. Mit dem Westschweizer Pianisten Thierry Lang pflegt er seit 25 Jahren einen lyrischen, zeitgenössischen Trio-Jazz. Mit seinem eigenen Quintett Buenos Aires spielt er einen melodischen, groovigen Jazz mit Blick auf Argentinien, das Land, in dem seine Mutter aufwuchs. Eine moderne, experimentelle Schiene fährt Känzig mit seinem Trio Depart mit Harry Sokal am Saxofon und Martin Valihora am Schlagzeug. Und im Bereich Weltmusik sind seine zwei Projekte «Tien Shan Schweiz Express» mit europäischen und asiatischen Musikern und «Agula – Swiss Mongolian Orchestra» mit der mongolischen Gruppe Arge Bileg zu nennen. Känzig spielte auch schon Bass für die deutsche Sängerin Nena. Berühmt sind die Namen weiterer musikalischer Partner: John Scofield, Billy Cobham, Charlie Mariano oder Kenny Wheeler. Im Mai 2017 ist auch ein Konzert mit seiner Nichte, der Popsängerin Anna Känzig, geplant.

Mit neuer, eigener Band in den Startlöchern

Letztes Jahr lancierte Känzig ein neues Projekt als Bandleader, Komponist und Bassist zusammen mit dem Pianisten Marc Méan, dem Gitarristen Christy Doran und dem Schlagzeuger Claudio Strüby. Känzigs Wunsch war es, Gitarre und Klavier zu kombinieren. Das braucht eine gute Koordination, da sich die beiden Instrumente sonst ins Gehege kommen. Känzig entwickelt seine Musik sowohl am Bass mit dem Finden einer melodischen Linie, oft in ungerader Taktart, als auch am Klavier mit einer harmonischen Idee. Beides setzt er sandwich-artig zusammen. Ähnlich agiert er auch als Künstler und Musiker: «Wir Bassisten sind die Diplomaten unter den Musikern, die zwischen Melodie, Harmonie und Rhythmus vermitteln; deshalb sind wir wohl so konziliante Menschen».

Heiri Känzig im Programm von Radio Swiss Jazz


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